Der Gastbeitrag: Tag 2

(folgender Beitrag ist nicht von mir, aber so skurril, das ich es euch nicht vorenthalten will. Und es ist die er Gastbeitrag: Tag 1">Fortsetzung dieses Beitrags)



6:30 Uhr

Ich werde von einer Schwester geweckt. Da ich Ohropax drin habe bekomme ich einen riesen Schreck.
Ohropax mussten sein, da meine liebe Bettnachbarin beim Schnarchen ganze Wälder abgesägt.


6:45 Uhr

Ich stehe auf, gehe zur Toilette.
Wie man sich vorstellen kann bin ich völlig übermüdet und überhaupt nicht richtig wach. “Aber gut” denke ich mir, “wasch dich mal, wird schon”.
Wie schon erwähnt gibt es keine Duschen, lediglich ein Waschbecken und eine Toilette in einem sehr kleinem Raum.
Es stellt sich mir mit meinem verschlafenem Kopf die Frage, wie "sie" mit ihren 140 Kilo Lebendmasse da rein und wie sie sich drehen kann. Ach, ich glaube ich möchte es dann doch nicht so genau wissen.

Als ich wieder rauskomme blafft sie mich meine Bettnachbarin direkt an.

140 Kilo Lebendmasse:
Sajen se mal "juten Morjen" können se och nicht sajen, wa?

Ich:
Keine Antwort. Sie bekommt lediglich ein Lächeln von mir, für mehr reicht's morgens nicht.

140 Kilo Lebendmasse:
Sowat unöflichet wie sie habe ick och noch nich erlebt und ick war schon oft in Krankenhaus.

Ich im netten freundlichen und bemüht ruhigen Ton, mich an den gestrigen Tag erinnernd:
Über Höflichkeit sollten wir uns wirklich nicht unterhalten.
Das ist ein viel zu schwieriges Thema.


Ich hätte beinnah gesagt ...für Sie.
Konnte mir gerade noch auf die Zunge beißen.

140 Kilo Lebendmasse:
Watt?

Ich wiederholte mein Satz

140 Kilo Lebendmasse:
Det sach ich Ihnen mal jetzt jans ehrlich, sie sind sowat von ...also sowat jibs janisch.

Ich wieder sehr ruhig (in Ruhe liegt die Kraft oder ich bin noch müde):
Das freut mich, dass sie so ehrlich sind.

140 Kilo Lebendmasse:
Watt?

Ich wiederholte mein Satz.

Patientin:
Dit war ick schon meen janzet Leben lang und dit werde ick och bleiben!
(Stimme wie immer sehr laut aber hier wird noch gesteigert.)

Ich habe beim besten Willen kein Lust auf Gespräche. Ich versuche die Kurve zu bekommen:
Das ist eine schöne Einstellung, aber lassen Sie uns bitte das Gespräch an dieser Stelle beenden.

Patientin.
Dit glob ick ja hier alles nich, watt sind Sie denn für eene Person.

Weiss ich auch nicht. Aber ich weiss das eine Gespräch schwierig sein würde und ich habe auch keine Lust. Ich setze mich an den Tisch und fange direkt an zu schreiben. Lenkt ab bis zum Frühstück. Das muss ja gleich kommen. Bleibt mir Zeit über den gestrigen Abend nachzudenken:

Als meine lieber Ehemann und meine tolle Freundin gestern Abend gegangen sind und ich wieder auf's Zimmer bin, war es inzwischen 20:00 Uhr. Hätte ich schön was lesen können oder so, aber leider:

Es lief der Fernseher und in einer Lautstärke das meine hundertjährige Großmutter die wirklich nicht gut hört gefragt hätte:
Muss der Fernseher so laut sein?
140 Kilo stiert in die Glotze.

Ich wollte erstmal ein paar Minuten warten und setzte mich an meinem Rechner aufs Bett um Nachrichten zu lesen, in der Hoffnung sie würde den Fernseher etwas leiser machen, aus Höflichkeit zum Beispiel.

Wo nahm ich eigentlich die Hoffnung her?

Irgendwie haben mir die paar Stunden Aufenthalt hier das Hirn wohl auch schon vernebelt.

Normalerweise bin ich immer jemand der direkt auf die Menschen zugeht und fragen würde ob man den Fernseher bitte etwas leiser stellen könne.
Mein Wunsch wäre zwar gewesen, der Fernseher ganz aus zu machen aber nun gut: man kann nicht alles haben.

Ich war aber irgendwie nicht in Diskussionsstimmung und mir war bei der Dame völlig klar: sie wird meinen Bitten leiser zu machen nicht einfach so nachkommen.
Sie wird mit mir im “icke-Ton” diskutieren wollen.
Es ist einfacher mit einem vierjährigem Kind zu kommunizieren als mit einer dreiundziebzigjährigen Dame, deren Wortschatz nicht mehr als geschätzt 200 Worte beträgt.
Selbst die Bildzeitung würde sie überfordern. Die benutzt immerhin 800 Wörter.

Irgendwann nahm ich meinen Rechner und ging auf den Gang, zu den “Lieblingsecke” (die im Gang aufgestellte Tischchen mit den ausgewählt unbequemen Stühlen) und ließ mich für zwei Stunden dort nieder.

Dafür habe ich dann heute 1a Rückenschmerzen, und bilde mir ein, mein Hinter fühle sich taub an.

Es gibt jetzt Frühstück. Leider nicht für mich.
Man muss wissen warum ich ihr bin.
Um es kurz zu halten: ich kann nichts essen außer Kartoffeln, Reis, Olivenöl, Hähnchenbrust und Rindfleisch.
Kartoffel nur wenn sie frisch zubereiten sind, Reis nur zwei Sorten, nicht jedes Olivenöl, Hähnchen und Rind nur wenn super frisch.

Nein ich hab keinen an der Waffel, ich würde mir wünschen ich wäre eine von diesen "ach ich bin ja so empfindlich" Hypochondern. Diese "Ich vertrage einfach keine Gluten" Jammerlappen gehen mir so was von auf den Zeigern, denn die führen dazu, dass Ärzte mich erstmal nicht für voll nehmen.

Und
leider ist es vermutlich auch nicht psychosomatisch, auch wenn das der erste Reflex der Ärzte ist, wenn sie auf die Schnelle keinen sonderbaren Blutwert oder so finden.

Klar ist inzwischen, dass Histamin ein Problem darstellt, dass sich in allen Lebensmitten bildet, die etwas länger liegen und in vielen Lebensmitteln sowieso reichlich vorhanden ist (z.b. Tomaten).
Ob das nun Ursache oder nur eine Folge ist, weiss noch keiner.

Natürlich hat sich die Sache langsam aufgebaut, aber der Endpunkt ist, das ich von diesen 5 Lebensmitteln lebe. Seit fast 2 Jahren. Wenn ich was anderes esse bekomme ich schnell Atemnot, Herzrasen und Schwindel, oft so stark, dass ich nicht mehr gerade laufen kann. Nach einer Oddysse durch diverse Untersuchungen inclusive diverser Kurzbesuche in der Notaufnahme bin ich jetzt hier, um einige Blutwerte etwas genauer zu untersuchen. Ist ja hier eine Fachabteilung für Magen-Darmprobleme. Da sollen auch mal etwas exotischer Blutwerte genommen werden und ggf eine Magenspiegelung mit Kamera zum runterschlucken.

Soweit so gut, es gibt nur ein kleines Problem: Wie komme ich im Krankenhaus an die Lebensmittel die ich vertrage?

Es gibt hier keine eigene Küche, das Essen wird geliefert.

Die Kartoffeln von hier kann ich nicht essen, die kommen aus der Großküche sind meistens schon ein zwei Tage vorher vorgegart, oder schon fertig gekochte eingeschweißte zehn Kilo Kartoffelsäcke. Histamin reichlich vorhanden. Esse ich die, kommen alle typischen Beschwerden. Beim letzten Krankenhausaufenthalt schon ausprobiert. (incl. EKG: Ja, tatsächlich Tachykardie, nicht nur "gefühlt")
Reis – wenn er gekocht ist –kann ich zwei Tage essen, danach das selbe Spiel.

Vom Krankenhaus habe ich nichts zu erwarten, ich muss selber planen.

Die Planung sieht so aus, das meine Freundin und mein Mann abwechselnd etwas von dem Essen, das ich vertrage, zuhause vorkochen und mir dann bringen. Und weil die nun nicht jeden Tag 3x kochen und kommen können, muss ich etwas von der ach so leckeren Reispampe zwischenlagern können.

In einem Kühlschrank, damit sich nicht zu schnell Histamin bildet.

Aber leider:
Das geht auf keinen Fall, es dürfen keine Patientenlebensmitten im Küchenkühlschrank kaltgestellt werden.

Wir versuchen zu erklärten wie die Situation ist und bitten einen Vorschlag zu machen, wie das Problem sonst zu lösen ist. Im Grunde wäre dieses Problem schon der Krankenakte bzw. meinem Aufenthaltsgrund zu entnehmen, aber da hat wohl keiner reingesehen. Das wir bei der Aufnahme das Problem erst gestern geschildert haben, weiss auch keiner mehr.

Aber man ist bemüht. Eine Schwester meinte optimistisch:
Ich ruf mal in der Leitung an und schildere Ihren Fall das wird schon was gehen.

Zwei Stunden später kommt die Schwester völlig aufgelöst zurück und meint:
die Küchenleitung bleibe dabei: NEIN und Ende.

Das tat der Schwester sehr leid, sie hatte sich offenbar sogar ein wenig mit der Küche angelegt, aber die haben wohl mal eine Abmahnung wegen einer Ausnahme kassiert und sind jetzt stur.

Noch immer um eine Lösung bemüht bespricht sie das Thema mit Ihren Kolleginnen und die meinten, ich dürfe mein Reis dann eben in den Personalkühlschrank tun. Der ist zwar sehr klein aber das wird schon irgendwie gehen.

Nun habe ich Gestern einen Pfleger den Reis gegeben den meine Freundin mitgebracht hat und bat ihn den Reis kalt zu stellen.
Der Pfleger stellte den Reis aber - von der ganzen Welle nichts ahnend - versehentlich nicht in den Personalkühlschrank sondern in den Küchenkühlschrank.

Und leider erwischt mich das Ganze, als ich auf mein ach so leckeres Reis-Frühstück warte: Der Küchenchef findet die Dose mit dem Reis und wird völlig hysterisch. Er macht sich die Mühe zu mir ins Zimmer zu kommen, blafft mich an: der Reis darf nicht im Kühlschrank ich soll ihn nehmen.
Ich (nicht wissend, dass der Reis entgegen der "Planung" im Küchenkühlschrank gelandet war) erwidere, das sei aber mit den Schwestern abgesprochen.
Jetzt dreht der gute Mann fast durch und wird richtig laut, drückt mir die Reisschüssel in die Hand und brüllt fast: Das kommt nicht in Frage geht nicht und nein und keinesfalls.
Ich verstehe das ja irgendwie auch, aber bitte dennoch um einen Vorschlag.
Den habe er nicht und das ist nicht sein Problem, er darf nicht – fertig.

Ich realisiere, dass ich für den weiteren Verlauf des Tages nichts mehr zu essen haben werde, denn ohne Kühlung ist mein Reis gegen Mittag für mich kaum noch essbar, Nachschub wird erst abends kommen.

Eine Schwester bekam das mit, kam dazu, nahm den Reis und sagte. der Reis soll doch in den Personalkühlschrank. Diskussionen zwischen Krankenschwester und Koch auf dem Gang, die ich nur halb mitbekomme.

Ich fand das alles sehr befremdlich und kann das alles irgendwie nicht fassen.

Das einzig Gute ist, das ich nicht sauer oder wütend war, sondern sehr belustigt und sprachlos.
Das hat mich auch dazu bewogen seit gestern zu schreiben.
Das ist alles so irre, dass man das aufschreiben muss weil es so unglaublich ist.

Im nachhinein ist mir natürlich klar, warum der Mann so ausgerastet ist, der hat Angst Ärger von oben zu bekommen.
Die Schwester deutet mir an, dass die Personalchefin Ärger macht und ich glaube, dass er richtig Ärger bekommen hätte wenn jemand den Reis im Küchenkühlschrank gefunden hätte. Klar ist, dass es natürlich allerlei Hygieneprobleme geben kann, wenn Patienten ihre Lebensmittel im selben Kühlschrank lagern in dem auch Lebensmittel für alle anderen sind. dAs die das nicht machen wollen oder können verstehe ich.


Wenn ich gesund bin, möchte ich ein Buch schreiben über meine Krankheit, deren Verlauf, Therapie, Ideen und die Erfahrungen die ich gemacht habe. in der Hoffnung vielleicht andern Menschen mit der gleichen Krankheit ein wenig zu helfen. Tips zu geben auf was man am besten überhaupt nicht hören sollte und auf was man besonders hören sollt unteranderem auch mal auf sein Instinkt und nicht nur auf Halbgötter in weiss die Scheuklappen tragen.

Im Moment sieht es aber so aus, als wenn es eher eine sehr "humoriges" Buch werden würde, auch nicht schlecht. Aber heute schreibe ich aber eigentlich nur, um die Zeit rumzukriegen und mich von meiner Zimmernachbarin und dem anderen Kram abzulenken.

Wenn ich hier wieder raus bin, schliesse ich eine Zusatzversicherung für Einzelzimmer ab.







Der Gastbeitrag: Im Krankenhaus

(folgender Beitrag ist nicht von mir, aber so skurril, das ich es euch nicht vorenthalten will.)

1. Tag


Gestern in die Klinik gegangen um die Ursachen einer Nahrungsmittelallergie einzukreisen.

Zur Klinik kann ich noch nicht viel sagen, außer dass ich mich gerne gleich wieder umgedreht hätte um zu gehen. Gesamteindruck: Depremierend, runtergekommen. Aber irgendwie ist es hier auch fast lustig, seht selbst:

Prolog:
Mein lieber Mann bringt mich also heute ins Krankenhaus, es ist 10:45 Uhr.
Gleich am Eingang der Station fällt der Blick in ein Zimmer, in dem ein montröser unförmiger Fettberg liegt, mit strähnigen Haaren und einem Blick wie 7 Tage Eishagel. Das neckische Seidennachthemd hilft nur bedingt um den Gesamteindruck zu verbessern, ermöglicht aber immerhin, dass Geschlecht der Person zu identifizieren.

Ist natürlich meine zukünftige Zimmernachbarin.

Auf dem Zimmer angekommen, liegt diese etwas stämmige Dame im Bett und telefoniert.
Sie schimpft und wettert. Ich bekomme ziemlich schnell mit, dass sie auf eine Untersuchung wartete und es UNMÖGLICH findet, noch nicht dran gekommen zu sein. Das Ganze möglichst laut, damit die Schwester die versucht mir zu erklären wo mein Schrank ist, es auch sicher mitbekommt.


Aufnahme:
Als etwas später die Aufnahmeschwester zu mir kommt, um erst einmal ein paar Grunddaten abzufragen, ist es schwer ein Gespräch zu führen, da die Dame erneut telefoniert. In einen sehr lauten und durchdringendem Ton wird ihrem (vermutlich) Ehemann erklärt, dass sie immer noch nicht dran war und seit sechs Uhr warte.

Es ist jetzt 11:30 Uhr.

In den nächsten fünf Minuten wird dieses Thema mehrfach wiederholt und immer wieder darauf hingewiesen, wie unmöglich dieser Umstand sei.

Mein Mann und ich sagen nichts, das ist nicht nötig, wir wissen, dass wir das gleiche denken; es hat mit Verbandsmaterial zu tun, das im Gesichtsbereich angebracht wird.

Als etwas später ein angehender Arzt reinkommt um weitere Dinge zu besprechen, telefonierte sie rein zufällig erneut und wird teilweise so heftig in ihren Äußerungen am Telefon, dass mein Mann und der Arztanfänger sich ansehen aber aus Höflichkeit nur Augenrollwettbewerbe austragen, anstatt die Dame anzufah... äh... um etwas mehr Ruhe zu bitten.

Mal abgesehen davon, dass jeder halbwegs intelligente Mensch (wie immer frau hier auch „halbwegs“ und „inletigent“ oder wie das heisst genau definiert) die Höflichkeit besitzen würde, Telefonate zumindest kurz zu halten, wenn Schwestern oder Ärzte den Raum betreten um die Patienten zu betreuen, setzte sie eher noch einen drauf: selbst bei ihrer eigenen Untersuchung (z.B. Blutdruckmessen) telefonierte sie fröhlich weiter. Die Schwestern haben Mühe sie zu untersuchen und Dinge zu erfragen, während sie munter ins Telefon schallert:

Globste die jebben mir nüscht zu essen.
Und die Kasse zahlt schön.
Wadde mal, ick hab jesacht wadde mal.
Man hör mal uff ick hab jesacht Du sollst ma warten.
Verstehste mir nich oda watt.


Ich bin beeindruckt.


Warten:
Inzwischen ist es fast ein Uhr. Die Dame wartet und telefoniert dabei.

Ich bekomme langsam mit, dass die Untersuchung auf die sie „seit um 6“ wartet, eine Darmspiegelung ist.

Wie vielleicht bekannt, bekommt man ab dem späten Nachmittag des Vortages dieser Untersuchung eine abführende Flüssigkeit zu trinken, die den Darm vollständig entleeren soll. Es können bis zu sechs Liter sein, die man trinken muss und man darf logischerweise dann auch nichts mehr essen bis zur Untersuchung.
Darm soll ja schön leer sein.

Die Dame hat also seit dem Vortag 18:00 Uhr diese Flüssigkeit bekommen und bis heute Mittag kein Essen. Das ist natürlich dramatisch, offenbar reine Schikane. Und der Tenor der Telefonate wird immer schriller:

Man hab ick Hunger, hab ick Hunger.
Zwee Tage nüscht zu esse,
de Kasse zahlt ja wohl schließlich, son ne Sauerei.
Den janzen Tag bin ick hier am warten, die lassen mir hier den janzen Tag sitzen, det ist doch wohl unerhört.
Is dit ne Hitze
Man, is dit ne Hitze


Vielleicht ist sie an der Telefoniererei aber gar nicht mal alleine Schuld, denn offenbar ruft ihr Mann (also vermute ich, dass es ihr Mann ist) alle ca. 15 Minuten von selbst und scheint zu fragen, ob sie denn JETZT schon dran war. Das bietet vielfältige Möglichkeiten, den eigentlich selben Text alle 15 Minuten in leichten Varianten anzuhören:

Man globste die lassen mir hier einfach warten. Man hab ick een Hunger.
Wozu zahlt die Kasse eijentlich.
Ick war meen Leben lang arbeeten und die Kasse zahlt doch.
Hab ick een Hunger ... man ... man ... man
Is dit ne Hitze
Stöhn ... seufz.


Tja, so 140 kg Lebendgewicht schwitzen schon ordentlich.
Und 140 kg wollen auch erstmal bewegt werden, da schwitzt man bei der aktuellen Sommerhitze noch mal ordentlich extra.
Ich habe inzwischen rausgefunden, dass das Zimmer nicht nur keine Klimaanlage hat, sonder auch keine Dusche. Erste Schatten einer dunklen Vorahnung ziehen auf.

Nach langen Stunden mit immer den selben Inhalten - nur leicht variiert (seit um sechse ... Hab ick een Hunger ... Kasse zahlt ... mein Leben lange geputzt ... unmöglich ... ja, die Charite war jut abba hier ... man man man) - endlich: um 13:30 Uhr kommt der Pfleger, um die Dame zur Untersuchung abzuholen.

Sie pöbelt ihn direkt laut an, dass es ja Zeit wird, sie warte ja schon schließlich den ganzen Tag hier. Seit 06:00 Uhr sitzt sie hier und wartet.
Den ganzen Tag schon.

Hm 13:30 Uhr ist bei ihr also ein ganzen Tag.
Arme Frau, sie hat dann wirklich wenig Lebenszeit bei so kurzen Tagen.
Ich bin kleinlich, ich weiss.

Der Pfleger lässt sich überhaupt nicht beeindrucken und erklärt ihr mit einem süffisanten Lächeln, dass um 06:00 Uhr noch keine Untersuchungen stattfinden. Seit 6 könne sie also eigentlich nicht warten.

Nachbarin laut röhrend:
Dit ist ja wohl echt ne Frechheit
Ick hab mir um 06:00 fertig jemacht, weil dit hiess um 08:00 Uhr geht’s los.


Was hat sie bitte an sich fertig gemacht?
Ich bin etwas verwundert, wenn der derzeitige Anblick irgendwelche Vorbereitungen erfordert, wie sieht sie dann OHNE diese Vorbereitungen aus?

Pfleger völlig entspannt:
Ja, ab 08:00 Uhr geht es los, aber das heißt nicht, dass sie um 08:00 Uhr rankommen.

Nachbarin:
Watt?

Pfleger immer noch sehr freundlich, als er ihr Bett versucht aus dem Zimmer zu schieben (ist auch nicht so leicht angesichts des Körpergewichts der Patientin):
Ab 8:00 Uhr gehen hier im Haus die Untersuchungen los, dass bedeutet aber nicht, dass alle gleichzeitig um 8:00 Uhr rankommen.

Nachbarin hat nichts verstanden:
Ja, ja, nu machen se mal jetze.




Nach der Untersuchung:
Die Dame wird relativ schnell wieder auf das Zimmer gebracht.
Sie springt trotz Sedierung und ca. 140 kg Körpergewicht bei einer Größe von 1,70 m recht flink aus dem Bett und findet auch gleich die Kraft, während eines Toilettengangs nahtlos weiter zu nörgeln.

Ich bin baff. Bei mir hat es schon einige Zeit gedauert, bis ich nach einer Darmspiegelung wieder so fit war. Hut ab.

Sei's drum, was gibts denn jetzt NACH der Untersuchung zu nörgeln?
Aber klar:

Man hab ick een Hunger, die müssen ma jetz abba watt zu essen bringen, sonst mach ick hier Krach.
Man hab ick een Hunger.
Is dit ne Hitze.
Is dit ne Hitze.

Und direkt an mich gerichtet:

Man ist dit ne Hitze
Stöhn ... stöhn ... ächz
Icke hab immer meen Leben lang sauber jemacht, bei sowat hätt ma meene Cheffin aber watt..also se wissen schon..die hätte mit aber richtig watt erzählt.
Da hätte ick nich een Tach jearbeetet.
Wo bin ick hier jelandet?
(okay, die Frage ist jetzt nicht ganz unberechtigt, hab ich mich heute auch schon paar mal gefragt.)
Dit möcht ick wircklich ma wissen.
Wo ham die mir hier hinjeschickt.
Man hab ick een Hunger.
Is dit ne Hitze
Is dit ne Hitze


Langsam kapiere ich: die Dame spricht unter anderem von der Sauberkeit im Raum, die zu wünschen übrig lasse.
Da hat sie nun mal nicht so ganz Unrecht, ist eben Fachkraft.

Aber auch Nebulöses ist dabei:
kieck an...na wer hat dit nich, jetzt wees ick doch mehr...man...man...man

Ich weiss nicht wovon sie spricht, vielleicht wirkt die Sedierung doch noch nach.

Also da müssen se mal für mich mithören, ick kann so schlecht solche Sachen uffnehemen, dit versteh ick ja nich...naja meen Hausarzt wird dit ja och...oder nee warten se mal...ick hab ja de Befunde dann ...wa?

Okay, ich versteh jetzt was sie will, sie will - wenn der Arzt kommt und ihr die Diagnose erklärt - dass ich mit zuhöre, damit ich ihr das dann noch mal erklären kann. Das kann ja lustig werden.

Zunächst wird aber wieder telefoniert.
Also dit sach ick dir, da lassen se mich den janzen Tach warten...aber dit lass ick mir nich jefallen...kennst mir ja...wa?
Die müssen mir ja mal watt zu essen jeben die Kasse zahlt ja schließlich.
Nö, erst lassen se mir fünf Taje nüscht essen und jetzt wieder drei...aber nee warte, dit sind ja zwee Taje, jestern und heute...wa?
Wat sachste?
Nee mit mir nich.


Wir wissen vom Anfang der Geschichte, von gestern 18:00 Uhr bis Heute 14:00 Uhr, das sind bei mir 20 Stunden, bei der Dame sind das irgendwie gefühlte zwei bis drei Tage. Naja, irgendwoher muss die Fettmasse ja kommen. Sich nicht mehr genau erinnern können, wann man das letzte mal gegessen hat und einfach mal annehmen, es ist etwa drei Tage her und nun müsse man aber hurtig aufholen könnte ein Grund sein.

Während ich noch grübele, ist die Patientin aber schon weiter und dringt zum Kern aller Probleme vor:
Watt meense wie laut det hier Nachts is und die Ausländer hier und Nachts hamse jegröllt wegen Fussball, det müssen se sich mal übalejen, wo andere nächsten Tach arbeiten jehen müssen.
Man man man, die Ausländer hier...da find man keene Ruhe wejen de Ausländer.
Ick sachs ihnen. Globen se ma nich das dit besser wird allet.

Ach na klar, dass hat gerade noch gefehlt, um das Bild abzurunden. Na zum Glück haben wir ja Ausländer, um einen Schuldigen zu finden.
Für ein paar Sekunden bin ich sogar froh, dass es „die Ausländer“ als abstraktes „Ist-Schuld“ Gebilde gibt, sonst müsste vielleicht jemand anders als Projektionsfläche für Fettis allgemeine Miesepetrigkeit herhalten, zum Beispiel ich.
Man man man.

Essen 1:
Die Schwester kommt und nun wird die Essenfrage geklärt.

Schwester meint klar und deutlich zur Nachbarin:
Die Ärztin hat gesagt, Sie dürfen ab jetzt wieder alles essen.

Es gibt in meinen Augen nichts, was man an diesem Satz nicht verstehen kann. Klare Ansage finde ich.

Zehn Minuten später, Pfleger kommt mit Essen rein.

Nachbarin:
Oh Essen! Darf ick denn schon watt essen?

Ich schau sie völlig erstaunt an und bin platt.

Pfleger zu Ihr:
Sie sind doch Frau X? (nennt meinen Namen)

Patientin:
Nee bin ick nich, det ist die da. (Zeigt auf mich)

Pfleger verwirrt, da ich ja nichts essen darf:
Oh dann gehe ich lieber noch mal fragen.

Ich mischte mich ein und erkläre, dass die Schwester die Ärztin gefragt habe und die gesagt hätte, „die Dame“ (ich krieg das echt raus... „die Dame“!) dürfe ab jetzt wieder alles essen.

Nachbarin:
Watt, ja?

Pfleger:
Nein, ich gehe lieber fragen.

Nachbarin:
Man hab ick een Hunger.
Is dit ne Hitze.
Is dit ne Hitze.



Essen 2:
Essen kommt.

Meine Zimmernachbarin:
Man is dit ne Hitze.
Die Möhren sind steinhart.
So fülle, wer soll dit denn allet essen.
Man ham die uffjetan.


Langsam zweifele ich, ob ich wach bin oder selber sediert auf einem Untersuchungstisch liege und nur skurril träume, wärhend in Wirklichkeit bei mir eine Darmspiegelung durchgeführt wird. Kurzum: Ich bin fassungslos und amüsiert zu gleich.

Sie ißt alles auf.

Igitt bin ick voll.

In diesem Moment kommt ein Patient vom Nebenraum zu uns ins Zimmer.
Er sagt zu mir:
Eh, sie sind doch och ne Schwester wa?

Ich:
Nein ich bin hier Patientin.
(Ich bin mir aber eigentlich nicht sicher, was ich hier überhaupt mache oder bin, der Eindruck des Unwirklichen verstärkt sich)

Patient geht raus und schreit eine tatsächliche Schwester an:
Los kommse ma her hier...eh machen se ma!

Schwester:
Was gibt es denn?

Patient:
Man watt soll det, kommse ma jetzt her hier!

Schwester:
Bitte entschuldigen sie mal, ich weiß doch gar nicht was los ist, da müssen Sie doch nicht in so einem Ton mit mir sprechen.

Patient schreiend:
Man - hörn se uff … die da will immer rauskrabbeln!


Draussen:
Okay. Ich weiß jetzt: ich muss hier mal kurz weg, Luft schnappen.
Leider muss ich noch auf die Ärztin warten. Zum Glück kommt die auch nach einer halben Stunde und die ersten Dinge sind abgeklärt.
Ich schließe meine Sachen in den Schrank und flüchte.
Ich habe auf dem Geländeplan gesehen, dass es einen kleinen Hofgarten mit Springbrunnen gibt und freue mich, da jetzt hinzugehen, mich in den Schatten zu setzten und ein wenig zu skizzieren oder vielleicht einfach nur die Stille zu geniessen oder das Plätschern des Wassers im Brunnen.

Ach ja.

Unten im Hof angekommen wechselt aber nur die Kulisse, die eigentliche Show geht nahtlos weiter. Um den Brunnen sitzen diverse Patienten mit ihrem Besuch oder Bettnachbarn und rauchen wie die Bananendampfer. Es gibt eigentlich keine Stelle wo ich mich hinsetzen könnte ohne von allen Seiten zugequalmt zu werden.

Gut, ich mich trotzdem tapfer in die Runde gesetzt. Um was es bei den Unterhaltungen so ging sag ich euch nicht.

Haha.

War nur ein Spass:

A: Watt sachste...nö bei mir hamse allet rausjeschnitten.
B (auftrumpfend): Die hamma schon fünfma uffjeschnitten.
A: Bei mir wissense nich, aber sie meinen ich soll ma weniger Alkohol trinken und meine Kippen reduzieren.
B: Ach, die haben einfach keene Ahnung!

C: Eh Alda, haste letzt Woche och Wrestling mit Kutte ausse B-Schicht jesehn?

D: Oh, du das mit dem Tatto würde ich lieber auf dem Hintern machen.
E: Nee, da sieht det keener, ick machet uffn Dekolleté.
D: Aber wenn du das machst und nicht mehr willst sieht man es dein ganzes Leben lang.
E: Det iss doch ejal, dazu mach ick det doch, wenns keener sieht ist ja voll öde.

C: Die soll mir mal in Ruhe lassen, sonst schick ick meen Kumpel rum und dann wird se jefi....

Gut, ich bin dann doch wieder schnell gegangen.
Zurück auf mein Zimmer.


Im Zimmer:
Nachbarin liegt und schläft.
Ich atme auf.

Nach fünf Minuten wird sie wach.

Man is dit ne Hitze.

Ach wie hab ich das vermisst.

Abwechslung! Telefonat mit Sohn Andi:
Warum soll ick hier Morgen keen Mittag essen, dit zahlt doch die Kasse.
Nee, nee ick ess hier Morgen noch Mittag.
Nee, Vaddan hat bistimmt nee einjekoft, der hat bestimmt nur Büchse zu Hause.
Nö, det zahlt die Kasse ich bleib bis zu Middag.

Furchtbar die Hitze, hmmmmm... furchtbar kaum auszuhalten.
Man, is dit ne Hitze.

Junge, kommste Wochenende, kriegste wieder richtig watt zu Essen.
Du könntest dir och ma nen Schnitzel machen, du kannst doch nich immer hungern, du bist son grosser und kräftig Kerl, du musst ja mal essen … watt hatten die Hitze damit zu tun?
Also mitn Darm ist nüscht, ick soll mal zum Frauenarzt, da sollte ick mal hinjehen
Ick war mindesten zwoelf Jahre nich.
Also vom Darm kommt det nich sajen se, da soll ich mir keene Sorjen machen.
Ick soll halt ma zu Frauenarzt.
Wat is Vaddern?
Schon wieder dünner jeworden?
Man der isst ja och nüscht.
Also die Barbera Schöneberger, die nimmt och Holzbretter, soll jut sein.
Guck ma, det hört sich immer so schlimm an wenn ick saje drei Schnitten.
Na watt issen dit, det is doch nich fülle, hast mal die kleenen Schnitten jesehn, dit is ja nüscht, dit sind so kleene Aldi Schnitten.
Nee, komm mich mal nach dem Mittag abholen.
Nee, brauchst kenne Kartoffeln holen Michael, ick ess ja morgen hier, hat die Kasse ja schließlich bezahlt, ick ess morgen schön hier.
Man is det ne Hitze.
Stöhn...ächtz...man nee neeeeeeeeeeee ist dit ne Hitze, watt fürne Hitze.



Abendbrot 1:
Ich kann keine „normalen Sachen“ essen, deswegen bin ich hier. Für mich also nichts.

Im Nebenzimmer, Patient:
Watt?
Ich soll Suppe essen?


Schwester:
Nein, Ihre Brühe die Sie wollten.

Patient sehr laut:
Haha, nee ick will keene Suppe, lassen se mir damit in Ruhe.

Schwester:
Was hätten sie denn dann gerne zum Abendbrot?

Patient:
Hab ick doch jesacht, ick will eene Brühe.
Na watten se mal wenn ick zu Hause bin.


Schwester:
Aber das ist doch Brühe.

Patient:
Sie wolln mir Suppe unterschieben.

Langsam komme ich an meine Grenzen. Entweder ich lache gleich laut los oder fang an zu weinen. Ich bin aber auch völlig fasziniert von alle dem.
Das ist alles so klasse und nur mit Humor zu nehmen, sonst würde man verzweifeln.


Abendbrot 2:
Um 18:30 kommt meine Freundin mir Essen bringen, denn die Krankenhausküche sieht sich nicht in der Lage auf meine Einschränkungen eingehen zu können, verstehe ich auch. Wir setzen uns ins Zimmer an den Tisch, ich fange an zu essen und will vielleicht auch mit meinem Besuch ein paar Worte wechseln.

Was macht Bettnachbarin?

Nein, jetzt klagt sie nicht über die Hitze. (Aber gut geraten von euch)

Sie macht den Fernseher an, und zwar volle Lautstärke. Vermutlich um die Ausländer zu übertönen. Jedenfalls so laut, dass wir uns nicht unterhalten können, geschweige denn, ich „in Ruhe“ essen kann. Wozu auch Ruhe beim Essen? Wer braucht so was?

Inzwischen bin ich soweit, mehrere Handlungsoptionen durchzudenken:
- Ich hau ihr so doll eine rein dass sie bis Morgen durchschläft. (Oh ja, das schaff ich mit Bestimmtheit).
- Ich bitte sie höflich, ob … obwohl … wie man am bisherigen Tagesverlauf erkennt, ist sie ja - um es mal nett zu formulieren - ein wenig anders. Es ist doch recht wahrscheinlich, dass sie gar nicht verstünde, was ich von Ihr wollen würde. Die Option fällt also gleich raus.
- ich halt den Mund, atme tief durch, lach darüber und find es einfach witzig.

Ich hab mich für Variante drei entschieden (da meine Freundin kein Blut sehen kann), also mein Essen genommen und wir sind auf dem Gang gegangen, wo lieblos zwei Tische mit extra harten Stühlen stehen, auf denen man nicht ohne Schmerzen sitzen kann.



Vielleicht wache ich ja bald wieder auf.





Da fehlt wohl die Streetkred

Ich schreib doch nicht über Leute, die erste den "Bambi" annehmen (Leutz... das Teil heisst echt Bambi und ist so ein güldenes Rehkitz und wird von der Springerpresse an besonders putzige Deppenbespaßer verteilt. Herrschaften!) und dann auch noch fast 2 Jahre brauchen, um zu merken, dass das für's Räbba-Imitsch irgendwie suboptimal ist.

Das alleine reicht ja wohl schon als Nachweis.



Vorratsdatenspeicherung in Zeiten von PRISM

Im Zuge von PRISM und TEMPORA (ich erspare mir, jetzt einen Artikel des Tenors "NATÜRLICH, was dachtet IHR denn?" zu schreiben) fällt nun auch den Politikern auf, dass die Vorratsdatenspeicherung langsam von den Bürgern verstanden wird UND dass die das doch nicht so gut finden: Auf einmal ist die Idee, Kommunikationsdaten zu speichern um "Terroristen" zu fassen doch nicht mehr so ganz so leicht zu verkaufen.
(Zumal unter anderem Dank der türkischen Regierung unter Erdogan der Begriff "Terrorist" im Moment gerade im Wandel ist und sich der Bedeutung "Person, die anderer Meinung ist und das offensiv äussert" annähert)

Da muss man was machen. Die ganze Sache mal überdenken. In Frage stellen. Datensicherheit stärken. Kosten/Nutzen neu bewerten. Die freiheitlichen Grundrechte …

Hahaha!

Ich mach ja nur Spass!

Es reicht, wenn wir die Vorratsdatenspeicherung umbenennen.

Die CDU (und Angie) nennt sie jetzt "Mindestspeicherfrist".

Problem gelöst.